Die ARD setzt ja nun schon seit Jahren auf ihre Märchenreihe „Sechs auf einen Streich“. Pünktlich zu Weihnachten werden dann Neuverfilmungen berühmter oder auch weniger bekannter Märchen ausgestrahlt: Und was da über die Mattscheibe lief, war zum größten Teil unterirdisch schlecht; man erinnere sich nur an Andrea Sawatzki als böse Stiefmutter in „Brüderchen und Schwesterchen“, die so unglaublich chargierte, dass man als Zuschauer ganz nervös wurde, oder an die schrecklich kitschige digitale Blumenwiese aus„Frau Holle“… nein, es ist mir völlig schleierhaft, warum diese Serie so erfolgreich ist und von Kritikern oftmals hoch gelobt wird.
Heute reichts es anscheinend völlig aus, eine Hannelore Elsner in ein mittelalterliches Kleid zu pressen und die böse Fee in „Dornröschen“ spielen zu lassen oder zu zeigen, wie Robert Stadlober als Rumpelstilzchen verkleidet übers Feuer hüpft. Wenn man da an einige der guten alten DDR- oder UdSSR-Produktionen wie „Das Feuerzeug“, „Schneewittchen“ oder „Das singende klingende Bäumchen“ denkt, wird einem richtig weh ums Herz beim Vergleich mit den lieblosen TV-Umsetzungen von heute.
Der Gipfel des schlechten Geschmacks wurde nun an Weihnachten 2012 erreicht – und ich glaube (bzw. hoffe!), schlimmer geht’s nimmer! „Hänsel und Gretel“, eines der schönsten Märchen der Gebrüder Grimm, präsentierte sich als 60-minütiger Total-Flop, bei dem man einfach alles falsch gemacht hat, was falsch zu machen war… irgendwie ist dies ja auch eine Kunst.
Das Desaster geht bei den Darstellern los, erstreckt sich über Bühnenbild und Kostüme und mündet schließlich in hanebüchenen Abweichungen vom literarischen Vorbild:
So gibt Mila Böhning beispielweise eine absolut peinliche Gretel. Sie wirkt viel zu alt und abgebrüht für ihr affektiert-ängstliches Spiel. Getoppt wird sie jedoch von Anja Kling als böse Hexe: Wie Kling die Augen aufreißt, eine Schnute zieht, mit den Armen wedelt, kreischt, hysterisch lacht… all das ist Bauerntheater auf schlechtestem Niveau und verdient die „Goldene Tomate“ für miserables Schauspiel. Zudem muss man sie auch noch in der Rolle der hexischen Zwillingsschwester ertragen – der guten Marie, die auf der Seite von Hänsel und Gretel ist. Hexenschwester? Ja, richtig gelesen! Nichts gegen leichte Abwandlungen, aber eine völlig neue Storyline und neue Hauptcharaktere in diesen Märchen-Klassiker einzubauen, das ist schon sehr arm – besonders dann, wenn diese Änderungen nicht wirklich hätten sein müssen bzw. neue Aspekte oder Intentionen mit sich bringen.
Unterstrichen wird die Ansammlung von Peinlichkeiten durch katastrophale Kostüme (Kling als Hexe sieht aus wie ein 80er-Jahre-Girly mit verrutschten Schulterpolstern, das sich nicht schminken kann) und Bauten (das Hexenhaus besteht aus gut sichtbarem Vollplastik und bekommt mit jeder noch so billigen Hänsel-und-Gretel-Schaufensterdeko bei „Woolworth“ oder „Rudis Resterampe“ ernsthafte Konkurrenz; das Innere des Häuschens ist eine Kreuzung aus U-Boot und Raumpatrouille Orion.
Kurzum: Neue Aspekte, innovative Herangehensweise… alles schön und gut. Was allerdings bei „Hänsel und Gretel“ herauskam ist einfach nur grottig und garantiert mindestens bei Eltern absolutes Fremdschämen, während Kinder wahrscheinlich schnell das Interesse verlieren – wenn nicht sogar ebenfalls peinlich berührt sind.
Fazit: Ich empfehle, um die DVD einen weiten Bogen zu machen. Diese Märchenverfilmung geht gar nicht!!




